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Predigten

In unserer Gemeinde predigt nicht nur eineR, sondern mehrere Menschen teilen sich den Predigtdienst mit dem Pastor.
 

Gottesdienst in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme 5.6.2016

Einmal im Jahr feiern wir unsern Gottesdienst in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Wir wollen damit an die Menschen erinnern, die ihre sexuelle Orientierung, Religion, Abstammung oder sonstige Zugehörigkeit zu einer Minderheit an solche Orte wie Neuengamme, Auschwitz o.ä. gebracht hat.

  

Galater 3,26-28

Ihr alle seid jetzt mündige Söhne und Töchter Gottes – durch den Glauben und weil ihr in engster Gemeinschaft mit Jesus Christus verbunden seid.  Denn als ihr in der Taufe Christus übereignet wurdet, habt ihr Christus angezogen wie ein Gewand. Es hat darum auch nichts mehr zu sagen, ob ein Mensch Jude ist oder Nichtjude, ob im Sklavenstand oder frei, ob Mann oder Frau. Durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zu einem Menschen geworden.

  

Aus Apostelgeschichte 8

Der Engel des Herrn aber sagte zu Philippus: »Mach dich auf den Weg und geh nach Süden, zu der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt!« Diese Straße wird kaum von jemand benutzt. Philippus machte sich auf den Weg und ging dorthin. Da kam in seinem Reisewagen ein Äthiopier gefahren. Es war ein hoch gestellter Mann, der Finanzverwalter der äthiopischen Königin, die den Titel Kandake führt, ein Eunuch. Er war in Jerusalem gewesen, um den Gott Israels anzubeten. Jetzt befand er sich auf der Rückreise. Er saß in seinem Wagen und las im Buch des Propheten Jesaja. Der Geist Gottes sagte zu Philippus: »Lauf hin und folge diesem Wagen!« Philippus lief hin und hörte, wie der Mann laut aus dem Buch des Propheten Jesaja las. Er fragte ihn: »Verstehst du denn, was du da liest?« Der Äthiopier sagte: »Wie kann ich es verstehen, wenn mir niemand hilft!« Und er forderte Philippus auf, zu ihm in den Wagen zu steigen…

Da ergriff Philippus die Gelegenheit und verkündete ihm, von dem Prophetenwort ausgehend, die Gute Nachricht von Jesus. Unterwegs kamen sie an einer Wasserstelle vorbei, und der Äthiopier sagte: »Hier gibt es Wasser! Spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?« Er ließ den Wagen anhalten. Die beiden stiegen ins Wasser hinab, Philippus und der Äthiopier, und Philippus taufte ihn. Als sie aus dem Wasser herausstiegen, wurde Philippus vom Geist des Herrn gepackt und weggeführt, und der Äthiopier sah ihn nicht mehr. Von Freude erfüllt setzte er seine Reise fort.

    

Ich möchte Euch eine kleine Geschichte erzählen. Die ist zwar was Besonderes, sonst würde ich sie hier nicht erzählen und sonst wäre sie Ende April nicht durch die Presse gegangen. Aber wenn die Hauptperson dieser Geschichte nicht ein wichtiger ehemaliger Senator der Vereinigten Staaten wäre, hätten wir wohl kaum etwas davon mitbekommen. Uns sagt der Name wahrscheinlich nichts, in den USA ist er sehr bekannt, der Senator Harris Wofford. Wofford hat lange Jahre den Bundesstaat Pennsylvania im Senat vertreten. Er gehört der Demokratischen Partei an, und er hat sich vor allem dadurch einen Namen gemacht, dass er die Bürgerrechte in den USA voran gebracht hat. Er hat Martin Luther King beraten und Kennedy und Clinton. Und er war eine Weile im Gespräch als möglicher Vize-Präsident neben Clinton. Also jemand, dessen Namen und Gesicht man kennt in den USA.

  Bei der aktuellen Headline, die sich mit Harris Wofford beschäftigt, geht es darum dass er am 30.4. im Alter von 90 Jahren noch einmal geheiratet hat. Er war 48 Jahre mit seiner Frau Clare verheiratet gewesen, und sie haben drei Kinder zusammen. Als Clare stirbt, ist Harris 70, und er ist absolut untröstlich. Er ist sich sicher, dass er eine Liebe, wie die, die ihn mit seiner Frau verband, nie wieder finden wird. Doch das ist falsch; denn – haben wir gerade gehört - 20 Jahre später heiratet er wieder. Soweit so nett, aber das Ganze ist ja noch keine Nachricht, die die Weltpresse beschäftigen müsste. Stimmt. Was die Presse so spannend findet, ist nicht nur das hohe Alter und die Berühmtheit des Bräutigams, sondern vor allem dass er einen Mann heiratet.

  Wofford erzählt, wie er seinen Partner, Matthew Charlton, vor 15 Jahren am Strand von Fort Lauderdale traf. Die beiden mochten sich und freundeten sich an. Dann begannen sie gemeinsam zu reisen. Und irgendwann war klar: Die beiden lieben sich. Dann hat er nochmal 3 Jahre gebraucht, bis er seinen Kindern von seiner neuen Liebe erzählen konnte. Und nun ist es 5 Wochen her, dass der ehemalige US-Senator Harris Wofford und Matthew Charlton sich in aller Öffentlichkeit… Zitat Wofford: an den Händen gehalten und einander gelobt haben, „für immer verbunden zu sein [...], bis dass der Tod uns scheidet."

  Wir müssen all das immer noch nicht für soooo furchtbar aufregend halten. Was ich aber an dieser Story sehr spannend finde, neben allem anderen – also dass sich hier ein alter, ehrwürdiger US-Senator offen zu seiner spät entdeckten Homosexualität bekennt und dass er diese nagelneue und in den USA ja immer noch sehr umstrittene Möglichkeit der gleichgeschlechtlichen Eheschließung in Anspruch nimmt. So ganz Ohne ist das alles ja doch nicht. Aber was ich darüber hinaus für wirklich spannend halte, ist was anderes:  

  Sowas geschieht ja, dass man sich lange auf einer Schiene bewegt, in einer Schublade steckt. Harris Wofford in der Schublade Heterosexualität. Darin sitzt er 48 Jahre, auf dieser Schiene bekommt seine Frau drei Kinder von ihm. Der Standard wäre nun aber, dass er jetzt sagt, das habe er ja alles nur wegen der Öffentlichkeit getan. Eigentlich hat er immer darunter gelitten, dass er seine wahren Neigungen verstecken musste. Aber nun hat er endlich das falsche Leben hinter sich gelassen und hat im hohen Alter - aber besser spät als nie – das einzig wahre, richtige, Leben als schwuler Mann gefunden.

  Doch genau das tut er nicht. Ich weiß gar nicht, ob Wofford überhaupt von Homo- oder Heterosexualität spricht, wenn er von sich erzählt. Was er stattdessen sagt, ist: "Ich war ein halbes Jahrhundert mit einer wunderbaren Frau verheiratet, und jetzt bin ich froh, ein zweites Mal das Glück gefunden zu haben."

  Das, was er bisher gelebt hat, wird durch das Neue, was er jetzt erlebt, nicht entwertet. Er hat sich nicht mit großem Trara von einer Schiene auf die andere bekehrt. Er hat nicht die eine Schublade verlassen, lebt nun in einer neuen und sagt, die alte war Mist. Nein, er kann sagen: „ich bin froh noch einmal das Glück gefunden zu haben“. Aber was davor war, das war auch Glück. Das eine Glück entwertet nicht das andere. Seine erste Ehe war keine Katastrophe, weil sie mit einer Frau stattgefunden hat, sondern: „Ich war ein halbes Jahrhundert mit einer wunderbaren Frau verheiratet“. Und dass er jetzt mit einem Mann zusammen ist, ändert nichts an der Wunderbarkeit dessen, was vorher war. Und umgekehrt, dass er 50 Jahre heterosexuell verheiratet und glücklich war, mindert nicht den Wert seiner gleichgeschlechtlichen Partnerschaft.

  Warum ich davon hier in Neuengamme erzähle? Weil wir in einer Welt leben, die vollgestellt ist mit Schubladen. Und weil diese Schubladen wieder wichtiger und wichtiger werden. Und weil das eine Katastrophe ist. Es ist genau die Katastrophe, die schließlich hierher nach Neuengamme geführt hat. Und dass die sich wieder entwickelt, das darf einfach nicht sein.

  Dass es diese Schubladen immer gab, ist klar: Also die Schubladen der Homo- oder Heterosexualität, Deutscher, Türke, Migrationshintergrund, schwarz, weiß, Flüchtling… Und hier für Neuengamme hat mal die Schublade Jude eine sehr wichtige Rolle gespielt. Das war immer so, dass man je nachdem, in welche Schublade man sortiert wurde, ein entsprechendes Etikett aufgepeppt bekam. Und dann wurde man entsprechend bewertet und/oder es wurden einem bestimmte Verhaltensmuster zugeschrieben. Und dann gab es diese absolut düsterten Zeiten von Neuengamme. Da reichte die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schublade aus, um hier zu enden - völlig unabhängig davon, wie man sich sonst verhielt.

  Aber ich lebe, seit ich denken kann, mit dem Glauben, dass diese Schubladen immer unwichtiger werden. Dass sie existieren ja, aber dass es eine gesellschaftliche Entwicklung gibt - die gibt es einfach, das ist eine Art Naturgesetz - dass die Schublade, zu der ein Mensch gehört, dass die immer weniger Bedeutung hat. Dass stattdessen der Wert des einzelnen Menschen - jenseits der Etikettierung, die man ihm aufpeppt - immer mehr in den Vordergrund tritt. So entwickelt sich die Gesellschaft einfach, und wir müssen im Grunde nur drauf warten, dass das immer gut weiterläuft.

  Wie falsch das ist, wie naiv, zeigt z.B. der Spruch dieses Herrn Gauland letzte Woche: Der macht sich nicht mal mehr die Mühe, das zu kaschieren. Man kann ja begründen, warum Menschen, die in eine bestimmte Schublade einsortiert sind, warum „die Leute“, die nicht in ihrer Nachbarschaft haben wollen. Also, der Schwarze an sich der ist halt laut, der grillt so viel, dessen viele Kinder senken das Bildungsniveau in der Schule für meine hübschen weißen Kinder. Mit sowas kann man die Ungeheuerlichkeit, die man sagen will, ein bisschen aufhübschen. Aber das hat dieser Gauland gar nicht mehr nötig. Der kann heute wieder sagen: Dass der Boateng eine etwas dunklere Hautfarbe hat, das reicht, damit ich ihn nicht als Nachbarn will. Da kann heute ein Politiker wieder den plattesten Rassismus bedienen - Schublade zu und fertig. Bislang haben wir sowas in Filmen über die Nazizeit gesehen. Dann haben wir uns gegruselt, wie das damals möglich war. Und dann waren wir froh, dass wir in modernen Zeiten leben, wo sich sowas mehr und mehr auswächst. Falsch, da ist es wieder. Und in Deutschland gibt es wieder eine Partei, die damit statte Prozente einfährt.

    Viele von uns, die wir in die schwule oder lesbische Schublade gehören, wir befürchten natürlich und völlig zu recht, dass wir zu den ersten gehören, die es wieder erwischen wird, wenn diese Gaulands und Co. noch salonfähiger werden. Da treibt uns schon ein existentielles Eigeninteresse, uns dagegen zu stemmen, dass das weiter geht. Aber als ChristInnen bewegt uns noch was anderes:

  Wir haben es gerade gehört, diesen Grundsatz, in Christus kann es keine Schubladensortierung mehr geben. Mann, Frau, Jude, Heide, all das gilt nicht mehr, sondern in Christus sind alle Menschen gleich geliebt, gleich geschätzt, gleich wert. In der Liebe Gottes sind alle Schubladen überwunden. Das nehmen wir für uns in Anspruch, und wir erwarten von der Gesellschaft, dass sie uns das gewährt. Doch Mooo - ment:

    Das kann auch ganz anders funktionieren. Wie, zeigt uns der zweite Text. Der Philippus gehört auch zu einer unterdrückten, verfolgten Minderheit, zu den Christen. Und als solcher kann er das - wie wir - in Anspruch nehmen, dass die Mehrheit (um der Liebe Gottes willen) nett zu ihm sein soll. Doch der Geist Gottes und Philippus machen was anderes:

    Da taucht dieser Typ auf, der in sämtlichen Schubladen, die für die Umwelt des Philippus was bedeuten, aussortiert ist: Der ist Ausländer. Durch seine schwarze Hautfarbe deutlich als solcher gekennzeichnet. Damit für Herrn Gauland und „die Leute“ nicht nachbarschaftstauglich. Und er ist - trotz all seiner religiösen Sehnsucht - Heide. Also hat er auch religiös schön draußen zu bleiben. Und zu allem Elend ist er Eunuch, und damit ist er in Judäa absolut außen vor. Das ist definitiv niemand, mit dem man was zu tun haben will. Doch just zu dem führt Gottes Geist den Philippus. Und ganz egal in welche Schublade er gehört und warum man mit dem nichts zu tun haben will, der wird getauft. Und damit wird er zu einem vollwertigen und gleichberechtigten Mitglied der christlichen Gemeinde; denn da zählen keine Schubladen, sondern da zählt nur die Liebe Gottes, die uns alle verbindet, über alle Grenzen, Schubladen und Schienen hinweg.

  Das ist es: Wir sind schwul, lesbisch, heterosexuell, Aus-, Inländer oder in welche Schublade wir auch immer gehören mögen. Vielleicht lehnen wir die Schublade ab, in die wir sortiert sind, oder wir fühlen uns wohl in ihr. Doch wenn wir mit Gott, mit Christus zu tun haben, dann haben diese Schubladen keine Bedeutung mehr. Uns steht die Vision einer Welt ohne Schubladen vor Augen. Uns leitet diese Idee von „alle eins in Christus“. Und das ist etwas, was wir nicht bloß für uns in Anspruch nehmen. Etwas, was wir für uns haben wollen. Sondern wir sind gerufen, daran mitzuwirken, dass das Wirklichkeit für alle wird. Wir selbst sollen dazu beitragen, dass dies Schubladendenken überwunden wird. Und sicher sind wir klein und können nicht viel wuppen. Aber in klein geht es los. Dass der Philippus diesen einen äthiopischen Eunuchen getauft hat, war ja auch kein Massenspektakel, sondern das war eine winzig kleine Aktion. Aber superwichtig war die. Ein Signal, um das deutlich zu machen, dass bei Gott keine Grenzen und Schubladen mehr gelten. Klein macht nix. Aber automatisch geht gar nichts. Deshalb sorgen wir, so klein wie wir es denn können, dafür dass Schubladen überwunden werden, dass die Wege nach Neuengamme versperrt werden.

    Die Gaulands und Trumps wollen was anderes. Was man von rechten Parteien in Europa hört, macht uns schaudern. Aber wir machen weiter, wir in klein, Senator Wofford mit mehr Presseaufmerksamkeit… Doch wir fordern es nicht nur für uns, und wir warten da auch nicht nur drauf. Sondern so wie wir es denn können, machen wir weiter damit, dass das vorankommt, was wir von Jesus mitgekriegt haben – die Idee Gottes von einer Welt ohne Schubladen. Die Idee einer Welt ohne Neuengamme.

Amen

 © Thomas Friedhoff

 

  

Gottesdienst zum 25.Geburtstag der MCC Hamburg 10.11.2013

P.Axel Schwaigert, MCC-Stuttgart

Hebräer 13,14

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir

Matthäus 17, 1-9

Sechs Tage später nahm Jesus die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder von Jakobus, mit sich und führte sie auf einen hohen Berg. Sonst war niemand bei ihnen. Vor den Augen der Jünger ging mit Jesus eine Verwandlung vor sich: Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden strahlend weiß. Und dann sahen sie auf einmal Mose und Elija bei Jesus stehen und mit ihm reden. Da sagte Petrus zu Jesus: »Wie gut, dass wir hier sind, Herr! Wenn du willst, schlage ich hier drei Zelte auf, eins für dich, eins für Mose und eins für Elija.« Während er noch redete, erschien eine leuchtende Wolke über ihnen, und eine Stimme aus der Wolke sagte: »Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt. Auf ihn sollt ihr hören!« Als die Jünger diese Worte hörten, warfen sie sich voller Angst nieder, das Gesicht zur Erde. Aber Jesus trat zu ihnen, berührte sie und sagte: »Steht auf, habt keine Angst!« Als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus allein. Während sie den Berg hinunterstiegen, befahl er ihnen: »Sprecht zu niemand über das, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn vom Tod auferweckt ist.«

 

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern,

wir sind hier, weil wir heute einen Geburtstag feiern, den Geburtstag einer Gemeinde und einer Idee, eines Aufbruchs. Und daher zuerst einmal herzliche Glückwünsche zum Geburtstag: Herzlichen Glückwuschen, Basisgemeinde MCC Hamburg, zu 25 Jahren Kirche sein im – wie wir es heute nennen – Lesbisch Schwulen Bi Trans Queer Bereich. Und Herzlichen Glückwunsch uns allen, die MCC in Deutschland sind. Denn 25 Jahre MCC Hamburg bedeutet auch: 25 Jahre MCC in Deutschland, an vielen Orten, in vielen Menschen und Geschichten. Hier in Hamburg hat etwas begonnen, was heute über die Stadtgrenzen von Hamburg hinausgeht. Herzlichen Glückwunsch uns allen für viele Begegnungen, Aufbrüche, Abendteuer, Erfolge, Veränderungen, für Neuentdeckungen von Glaube und Spiritualität, für viele Tage gelebtes Leben, für lebensfähig gemachtes Sein, für Wagnisse, und für Menschen. Herzliche Glückwünsche für das, was am Freitagabend im Erzählcafé erwähnt wurde, an dem, was geschehen ist in den letzten 25 Jahren. Hier ist gut sein!

Wenn man so zurückblickt auf 25 Jahre des Lebens, dann denkt man auch immer wieder daran, was denn all die Träume waren und sind von dieser MCC, deren Geburtstag wir heute feiern. Ein Traum, von Kirche, genau wie sie sein soll, wie wir sie schon immer haben wollten, und wie wir sie auch machen wollten! Wir hatten diesen Traum, von der anderen Kirche, die unser Ort ist, und Gottes Ort in der Welt. Wir hatten diesen Traum, dass diese Kirche erfolgreich sein sollte, dass wir Menschen mit ihr erreichen, und dass da etwas Besonderes, Wunderbares geschieht. Wir hatten diesen Traum, und ich jedenfalls habe ihn noch, auch wenn sich dieser Traum verändert hat, in den letzten 15 Jahren, die ich in der MCC bin.

Ich glaube, auch Petrus hatte diesen Traum: Er ist mit Jesus unterwegs, schon eine ganze Weile. Er hat viel erlebt mit Jesus, ist mit ihm Wege gegangen, hat Wunder und Heilungen gesehen, hat Jesus predigen hören und hat erlebt wie er mit den Menschen geredet hat. Er hat erlebt, wie die politischen und religiösen Mächte seiner Welt, Jesus herausgefordert haben, und er hat erlebt, wie Jesus sie wieder und wieder in ihre Schranken verwiesen hat, mit großem Wissen und mit Weisheit. Er hat erlebt wie Jesus Menschen gerufen hat, er war selber einer davon und er hat erlebt, wie Jesus Menschen berührt hat, manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Und Petrus hat viel gelernt von Jesus in dieser Zeit. Und es war sicher nicht immer ganz unanstrengend, so mit Jesus unterwegs zu sein. Nicht zu wissen, was der Abend bringen würde, wo sie schlafen würden oder wo und mit wem sie essen würden. Es war sicher anstrengend, mit all diesen Menschen, den Gesunden und den Kranken und immer wieder mit Jesus in der Mitte, der immer wieder die Dinge anders machte, als Petrus es erwartete. Aber dennoch: Petrus was stolz auf Jesus, war stolz auf das, an dem er ein Teil sein durfte. Und er hoffte, dass Jesus endlich die Anerkennung bekommen würde, die er verdiente, dass er endlich den Erfolg hätte, den er haben sollte, dass sie endlich den Durchbruch schaffen würden.

Und dann passierte dieser Tag, dieser Moment auf dem Berg: Jesus hatte sich mal wieder zurückgezogen, war auf einen Berg gegangen um alleine zu sein, zu beten, nachzudenken...

Und er hatte seine drei engsten Freunde mitgenommen: Petrus, der Fels und Johannes und sein Bruder Jakobus, die „Donnersöhne“ genannt wurden, weil sie so eifrig und auch eifernd waren. Es waren übrigens dieselben drei, die auch im Garten Getsemani dabei sein würden, etwas später. Und wie dort, war es auch hier: Während Jesus betet, schlafen die drei ein. Sie pennen friedlich durch die ganze Sache hindurch. Sie wachen aber dann gerade auf, um noch den Schluss der Szene zu sehen: Jesus steht da und unterhält sich mit zwei der wichtigsten Personen dessen, was wir das Alte Testament nennen, zwei der wichtigsten Gestalten der heiligen Schrift: Moses und Elia

Er unterhält sich mit Moses, demjenigen der die Gesetze Gottes gebracht hat und das Volk aus der Gefangenschaft geführt hat, Moses auf den die 5 Bücher Mose zurückgehen, erste Teil der Heiligen Schrift, und Elia, der Prophet Gottes, derjenige, der am Ende seines Lebens nicht starb, sondern mit einem feurigen Wagen von Gott selber abgeholt wurde und über den Jordan flog zu Gott hin. Jesus spricht hier also mit den beiden wohl wichtigsten Gestalten, denen, mit denen man reden sollte, wenn man wissen will, was Gottes Plan und Gottes Wille ist.

Und was die Jünger sehen, ist natürlich, dass ihr Jesus da mit der himmlischen High society auf Du und Du steht, mit ihnen auf gleicher Augenhöhe redet mit ihnen zusammen ist. Sie sind natürlich beeindruckt, sind stolz wie sonst was, und absolut begeistert. Herzlichen Glückwunsch Jesus, wollen sie rufen, für das, was du da erreicht hast, herzlichen Glückwusch, uns allen, wollen sie sagen, dass wir Teil dessen sein dürfen.

Und so ist es natürlich Petrus, der jetzt mal wieder die Klappe nicht halten kann: Super, Mensch, Jesus, sagt er, du hast es geschafft, du bist jetzt einer von denen, du bist ganz oben, bei Mose, und Elia, bist jetzt einer von den ganz wichtigen, den Hotshots, einer der Superstars, besser geht’s nicht! Und dann hat Petrus die brillante Idee! Wir bauen hier drei Hütten, sagt er, eine für Mose, eine für Elia und eine für Dich, damit wir diese Situation behalten können, damit andere kommen können und sehen, wie wichtig du bist, und wie toll du bist, .... Hier ist gut sein! Und wir, wir Jünger, wir dürfen auch hier blieben, und Teil dessen sein.

Ich kann Jesus beinahe seufzen hören.... Petrus wieder. Petrus und seine große Klappe und seine Schnellschüsse.... Könnte er nicht einmal fragen: Jesus, was bedeutet das? Jesus, was habt ihr denn miteinander geredet? Jesus, wie sollen wir uns verhalten?

Nein, Petrus weiß es ja, mal wieder, Nein, Petrus weiß es mal wieder besser: Jesus, lass uns Häuser bauen, damit alle Welt sehen kann, wie wichtig Jesus ist, und wie wichtig Petrus und Jakobus und Johannes sind, denn sie haben die Häuser für Mose, Elia und Jesus ja gebaut.....

Er sieht den Ruhm, die Sicherheit, den Erfolg, dass sie gemeinsam etwas erreicht haben, das nun auch funktioniert. Jesus hat es geschafft, ist angekommen, hat alles erreicht, und er, Petrus, hat damit auch seine Stelle im Leben erreicht! Es sieht das schöne, und das will er nicht nur haben, sondern er will es behalten, will es zementieren. Er will Häuser bauen, und dort einzeihen. Ganz ehrlich, ich als Schwabe kann Petrus verstehen. Er ist oben auf dem Berg angekommen und hat ein Erfolgserlebnis, und er hat gesehen, was sein kann, was er sich erträumt hat, oder noch mehr, als das was er sich erträumt hat. Und er sagt, sicher nicht ganz zu unrecht: hier ist gut sein! Und als guter Schwabe sagt Petrus: Lass uns hier bleiben und ein Häusle bauen!

Hier ist gut sein!!! Lasst uns hier eine bleibende Stadt bauen, lasst uns hier sicher und fest bauen und sein.

Aber dann kommen wir nun zum zweiten Teil, dieser Predigt, zu der Losung, unter der dieses Fest steht: Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber eine Zukünftige suchen wir. Und beinahe klingt das ja so, als wäre dieser Satz aus dem Hebräerbrief die Antwort auf das was Petrus da gesagt hat: Hier ist gut sein. Nein! Wäre dann diese Antwort. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt. Vergiss diese ganze Häuslesbauerei, hier, in auf diesem Berg, auf dieser Welt, in diesem Leben haben wir keine bleibende Stadt. Ihr könnt hergehen und eine Zukünftige suchen, wenn ihr wollt, aber hier, nö, hier gibt’s keine Pause, nichts bleibendes, nichts, was da bleibt, oder besteht, oder fest ist.

Da sind wir wieder auf dem Berg, und Jesus rollt mit den Augen, und puff, sind Mose und Elia weg, und sie müssen wieder runter von dem Berg, und müssen wieder weiterziehen, weitersuchen.

 Ich habe es beim Schreiben dieser Predigt gemerkt, und ich merke es jetzt beim Halten dieser Predigt auch wieder. Ich muss aufpassen, dass ich nicht in ein negatives Denken hineinfalle, und das, was einem Angst machen kann: Oh je! Da gibt es nichts sicheres, und festes, sondern wir sind immer auf der Suche, auf dem Weg, und werden irgendwie nicht ankommen. Oh weh! Denn auch das ist eine MCC Erfahrung, um ganz ehrlich zu sein: Es war nicht immer alles nur Spaß und Freude und Erfolg. Es gab auch die negativen Erfahrungen, das zusammenbrechen, dessen, was wir so mühsam aufgebaut haben, Das Scheitern unserer großartigen Ideen, das Verlassen werden von denen, die wir Freunde genannt haben. Das Missraten unserer Pläne und die Selbsterkenntnis, diese ganz schwere Selbsterkenntnis, dass eben auch wir selber, ach so tolle MCC, nur mit Wasser kochen. Dass es eben keine drei Hütten zu bauen gibt, und keine bleibende Stadt gibt, und dass unsere Träume eben nicht so sind, wie wir es uns erträumt haben. Und nicht nur, dass das so ist, sondern nun scheint es uns auch die Bibel noch zu sagen. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Und im besten Fall werden wir auf die Zukunft vertröstet. Irgendwann wird alles besser, und irgendwo anders sowieso.

Aber ich glaube, genau in diese Momente hinein, in die Momente des Träumens von Erfolg, wie Petrus es sieht, und diese Momente des Erkennens, dass die Dinge sich eben nicht so toll entwickelt haben, wie wir uns das manchmal gerne vorgestellt hätten, genau in diese Moment hinein spricht uns Motto tatsächlich. Und es lohnt sich, den Text genau anzuschauen:

Wir haben hier keine bleibende Stadt. Das ist zum einen wahr. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Die Dinge hier auf dieser Welt sind nicht für die Ewigkeit. Dieses Bleibende, dieses Ewige, hier auf dieser Welt, existiert nicht. Da ist die Bibel ganz klar, und erstaunlich ehrlich zu sich selbst und zu uns. Und das finde ich toll, diese Ehrlichkeit, mit der die Bibel da zu uns spricht. Wir haben dieses Bleibende, Feste nicht. Wir brauchen uns da nicht etwas einreden und versprechen, was nicht da ist. Und wir brauchen uns aber eben auch nicht unter Druck setzten, dass wir etwas Ewiges aufbauen müssen, an dem wir dann doch nur Scheitern würden. Diese bleibende Stadt, haben wir nicht.

Und es ist gleichzeitig etwas zutiefst befreiendes: Wir haben hier keine bleibende Stadt, die festgemauert in der Erden, steht, wie die Form aus Lehm gebrannt, die etwas ewiges, unverrückbares, unveränderbares schafft. Eine Stadt, die feste Straßen und Plätze hat, Straßen, in denen Menschen wohnen bleiben müssen, weil sie da schon immer gewohnt haben, Plätze im Leben, auf denen wir stehen bleiben müssen, weil wir einmal im Leben dahin gestellt werden. Weil wir schon immer irgendetwas waren: Männer, Frauen, Heteros, Homos, Deutsche, Ausländer, Weiße, oder Bunte, weil wir es schon immer waren, auch immer bleiben müssen. Wo wir bleiben müssen, und nicht wegkönnen, weil alles aus dem Beton der Sicherheiten und des Gesetzes und der Unveränderlichkeit gebaut ist.

In so einer Stadt, liebe Gemeinde, wollte ich auch nicht mehr leben. Denn das mag zwar manchmal sicher sein, und fest, aber eben auch einengend und beengend. Denn aus den Hütten, die Petrus da hat bauen wollen, da wären, ruck zuck, Paläste geworden, mit Mauern drum rum, und am Anfang wären die Menschen noch gekommen, aber irgendwann wären sie wo anderes hingegangen, und dann wäre Jesus da hoch droben auf dem Berg gehockt, mit seinem Gesetzesmose und seinem Prohetenelia, und hätte eben nicht mehr zu den Menschen gehen können und hätte eben nicht mehr mit den Menschen gehen können, und er hätte dort oben festgesessen, statt heute hier sein zu können, mitten unter uns, weil da zwei oder drei sich versammelt haben in seinem Namen. Keine bleibende Stadt zu haben heißt auch in Freiheit leben dürfen.

Und dann geht dieser Satz ja noch weiter, aus der Beschreibung des Zustandes heraus, „ Wir haben hier keine bleibende Stadt“, hinein in eine Einladung, in ein Versprechen und in eine Herausforderung: „aber eine zukünftige suchen wir.“

Das ist etwas ganz Aktives, Offenes, Befreiendes, Kreatives, was da zum Ausdruck kommt.

Zum einen: es ist nicht haben, sondern suchen. Suchen, das heißt für mich, immer wieder auf dem Weg sein, Neues auszuprobieren, an neuen Orten zu schauen, Neue Wege zu gehen. Andere Menschen kennenzulernen und eben nicht festgelegt zu sein. Auch suchen zu dürfen. Ich muss als Christ nicht immer auf den fertigen, ausformulierten, festgefahrenen Wegen bleiben, sondern ich darf suchen. Ich darf suchen, wo schon andere gesucht haben, oder wo noch niemand gesucht hat. Ich darf suchen im Orthodoxen oder im Kreativen. Ich darf als Freikirchen bei einem Benediktinerpater suchen, in der Tradition der römischen Kirche, nach fruchtbarer Spiritualität, oder als traditioneller Christ in Formen anderer Spiritualität meditieren. Und ich darf alleine suchen und ich darf mit anderen suchen, und ich kann es heute so machen, und in drei Jahren anders. Und ich darf suchen, und ich darf weitersuchen. Das finde ich auch toll. Da steht nicht, „aber eine zukünftige finden wir“ sondern da steht „suchen.“ Wenn da „finden“ stünde, dann könnte, ja dann würde ich irgendwann versagen, irgendwann feststellen: ich finde auch diese Zukünftige nicht. Aber ich brauche nicht versagen, weil dieses Suchen ein Prozess ist, der weitergehen darf. Ich brauche nicht dort zu bleiben, wo ich heute bin, ich brauche nicht derjenige zu bleiben, der ich heute bin, sondern ich darf weitersuchen.

Und zum anderen ist da diese Zukünftige. Da steht nicht „himmlische Stadt.“ Die ist uns versprochen, diese Himmlische Stadt, die wird uns irgendwann geschenkt werden. Der Seher Johannes hat sie gesehen, und wir haben es vorher in der Lesung gehört. Aber was wir suchen ist noch hier, bei uns, nicht erst irgendwann am jüngsten Tag.

Zukünftig, das heißt für mich heute nicht irgendwann in der Ewigkeit, sondern Morgen. Was wir suchen, was wir suchen dürfen, das ist das, was Morgen sein darf, die Begegnung, die Erfahrung, die Morgen mit sich bringt. Und Morgen, das dann Heute sein wird, darf es dann auch wieder ein Morgen sein, und etwas Neues. Deswegen ist Jesus nicht da oben auf dem Berg geblieben in seiner Hütte, in diesem Ewigen Moment des „Jetzt darf es sich nicht wieder verändern!“, sondern durfte, musste sich aufmachen, in ein Weiterleben mit den Menschen.

Und dann, Liebe Gemeinde, steht da, dass wir suchen. Nicht ich, ganz alleine, in der Dunkelheit. Nicht ihr, die Gemeinde, weil ich, der Theologe es schon gefunden hat. Nicht die Dummen, weil wir, die Gescheiten es schon erreicht haben. Nicht die, die „anders“ sind, weil wir, die wir „richtig“ sind, es schon gefunden haben. Sondern wir, gemeinsam miteinander, sind auf dem Weg, auf dieser kreativen, unsicheren, überraschenden, beängstigenden, befreienden Suche, nach dem, was Gott vorbereitet hat, in jedem Augenblick unseres Lebens für den nächsten. Denn Gott ist nicht festgemauert auf einem Berg, sondern Gott ist auf dem Weg mit uns.

Eine bleibende Stadt haben wir nicht, sondern eine zukünftige suchen wir.

Amen

© P.Axel Schwaigert

   

 

Gottesdienst 2.6.2013

 Matthäus 9,35-38

Jesus zog durch alle Städte und Dörfer. Er lehrte in den Synagogen und verkündete die Gute Nachricht, dass Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet und sein Werk vollendet. Er heilte alle Krankheiten und Leiden. Als er die vielen Menschen sah, ergriff ihn das Mitleid, denn sie waren so hilflos und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Darum sagte er zu seinen Jüngern: „Hier wartet eine reiche Ernte, aber es gibt nicht genug Menschen, die helfen, sie einzubringen. Bittet den Herrn, dem diese Ernte gehört, dass er die nötigen Leute schickt!“

 

„Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.“

Dieser erste Satz in dem für heute vorgeschlagenen Predigttext hat mich eher an einen letzten Satz erinnert. Er ähnelt ein bisschen einem : „und von da an lebten sie glücklich bis zu ihrem Lebensende“- Wie der Schlusssatz eines Märchens. Und dabei wissen wir doch, dass mit diesen Schlusssätzen von Märchen die Probleme erst richtig losgehen. Dass die waren Hindernisse erst nach der Traumhochzeit bewältigt werden müssen.

Dieser erste Satz der heutigen Lesung erinnert  an einen Zusatz, ein „und so weiter und so weiter“. Es wird nochmal zusammenfassend und ein bisschen uninteressiert erzählt, dass Jesus umherzog von Stadt zu Stadt und jede Krankheit und jedes Gebrechen heilte. Der Blinde, der Gelähmte, der Aussätzige, der Besessene: sie alle hatten als Einzelpersonen ihren Auftritt und sind  damit abgehakt. Mehr Einzelcharaktere verträgt die Geschichte nicht,  ab jetzt wiederholt sich das alles nur noch in leicht veränderter Form. Dass Jesus in einer anderen Stadt einen ein wenig anders Gelähmten auf eine ein wenig andere Art heilte, interessiert nicht mehr. Ein Aus-erzählen ist nicht mehr nötig. Es wird eben noch einer und noch einer und noch einer geheilt. Das Spektakuläre wird durch die Wiederholung  langweilig.

Die Alltagsprobleme die Streitigkeiten und Sorgen des verheirateten Märchenpaares interessieren nicht mehr. Und sogar bei Jesus scheint das so anzukommen. Auch er sieht mit einem mal nicht mehr den Einzelnen, begegnet nicht einem weiteren Menschen, sondern  wendet den Blick auf die Volksmengen. Als er aber die Volksmengen sah - schreibt Matheus „wird er innerlich bewegt, weil sie erschöpft und hingestreckt waren wie Schafe ohne Hirten.“

Erschöpft und Hingestreckt. So scheinen Jesus die Menschenmengen. Das ist nachvollziehbar. Wenn ich hier so in die runde Blicke, weiß ich wovon Jesus da spricht. Erschöpft von der Arbeit, von Krankheiten, von Schmerzen, von Beziehungsproblemen. Eines davon trifft auf jeden von uns zu.

Aber wieso "Schafe ohne Hirten"?

Ich kann mir einen kleinen tierrechtlichen Einwurf hier nicht verkneifen. Der Vergleich hinkt doch etwas. Schafe ohne einen Hirten, der sie doch nur zur Schur oder zum schlachten oder zum melken in Form halten will, Schafe in Freiheit also, erscheinen mir ehrlich gesagt in einer weitaus vorteilhafteren Position, als solche mit einem Hirten, auch wenn gelegentlich ein Wolf eines von ihnen reißen könnte.

Naja aber ich verzeihe Jesus mal diesen nicht besonders veganen Vergleich und versuche sein Bild trotzdem zu verstehen. Wenn Mensch den Hirten als etwas positives sieht, dann deute ich das Bild so: Die Menschen die Jesus sieht, fühlen sich allein, allein gelassen, einsam. Fern von ihrem Hirten, fern von Gott. Und das kann ich auch als veganer verstehen. Dieses Verlassenheitsgefühl kenne ich selbst und ich kenne es aus den Erzählungen vieler Bekannter und Freundinnen. Dieses Verlassenseinsgefühl der vielen, vielen Menschen  ist es, was Jesus innerlich bewegt, was ihn traurig macht.

Jesus ist innerlich bewegt. Und zwar nicht nur, weil er mit-leidet, weil es ihn traurig macht andere  in diesem Gefühl der Einsamkeit zu sehen, sondern vielleicht auch weil er das Gefühl hat nicht allen helfen zu können.

Das fände ich zumindest mehr als verständlich. Kaum hebt er einmal den Kopf und verliert den einzelnen, den Blinden, den Aussätzigen aus dem Auge und lässt seinen Blick über die Volksmengen streifen, sieht er wie aussichtslos das ganze ist. Wie viele da auf ihn warten.

Er weiß, dass er helfen, heilen kann, aber Jesus sieht hier auch, dass er an seine Grenzen stößt. Dass er in der Form des Menschensohnes all diesem Bedürfnis nach Begegnung, nach Berührung nicht nachkommen kann. Denn dieses Einsamkeits-, dieses Verlassenheitsgefühl heilen kann er nur durch direkte Begegnung. Nur in Einzelbegegnungen mit Einzelcharakteren. Heilen kann er nicht mit einem usw. usw. Nicht mir einem „und von da an lebten sie glücklich und zufrieden.“

Er sieht die Volksmengen und weiß: Ich schaffe das nicht alleine.

Auch das könnte ein letzter Satz sein.

Das könnte ihn deprimieren und entmutigen. Er könnte sagen: ich schaffe das nicht alles, was soll ich also mit den Einzelnen weitermachen? Aber das tut er nicht.  Der erste Satz der heutigen Predigttextes ist eben kein letzter Satz. Denn er weiß: Die Ernte ist groß. Es gibt genug für alle. Allen diesen Menschen kann geholfen werden. Niemand muss allein, verloren sein. Er resigniert nicht, er reagiert. Er entscheidet, dass er diese Arbeit nicht alleine erledigen kann, er braucht Helferinnen und Helfer.

Er gibt sein Allein-schaffen auf. Die Ernte ist zwar groß, sagt Jesus, aber die Arbeiter_innen sind wenige.

Das klingt doch nach einem Anfangssatz. Einem Aufbruchssatz. Einem: Jetzt packen wir es gemeinsam an und legen los mit der Ernte. Aber nein. Wieder werden meine Erwartungen enttäuscht. Diesmal nicht meine tierrechtlich veganen, sondern meine autonomen. Anstatt zu sagen: Schaut es ist genug da, lasst uns das gemeinsam anpacken und zusammen ernten. Wir schaffen das, wir haben die Fähigkeiten dazu. Statt das zu sagen, sagt er: lasst uns beten, dass der Herr der Ernte Arbeiter in seine Ernte aussende.

Das ist doch bescheuert. Da könnte er die Menschen selbst ermächtigen, sie empowern, ihnen Selbstbewußtsein vermitteln und sie dazu befähigen selbst zu ernten, statt dessen lädt er sie ein zu beten, dass jemand ihnen Arbeiter_innen sende.  Dann sind sie doch von diesen Arbeiter_innen komplett abhängig. Und erst Recht von dem der sie sendet.  Er empfiehlt ihnen passiv zu bleiben und sich in eine bittende Position zu begeben. Er bestätigt alle meine Vorurteile gegen Kirche. Nämlich dass sie passiv macht und mit Gebet vertröstet.

Aber zum Glück ist diese Empfehlung zwar der letzte Satz der heutigen Textlesung, aber nicht der letzte Satz des Textes. Es geht weiter. Und im weiteren macht Jesus genau das, was ich gehofft habe. Er ermächtigt seine Jünger_innen zu heilen. Er sagt ihnen: packt es selber an, zieht los heilt, erntet. Das ist ein ganz schöner Wandel finde ich. Vom Allein-Heiler wird er nun zu einem Heiler von vielen. Er sagt: wir müssen gemeinsam daran arbeiten, ich brauche Hilfe.

Außerdem sind es keine  Elite-Sozialarbeiter-Engel die Jesus als Erntehelfer_innen erwartet und um die zu beten er empfiehlt. Es sind gewöhnliche Menschen wie du und ich. Fischer, Zöllner, Zweifler, Verräter, Verleugner, Schwache. Es sind dieselben Menschen, denen er zu beten empfiehlt. Eigentlich tut er also nichts anderes als sie zu empowern. Ihnen, uns zu sagen: Wir packen das gemeinsam an.

Aber er tut das in dem Wissen, dass die Kraft dazu nicht von ihm kommt. Und nicht von uns. Dass wir die Kraft dazu nicht aus uns selbst heraus produzieren müssen. Die Kraft dazu wird uns geschenkt. Durch Gottes Gnade. Sie wird uns vielleicht geschenkt, wenn wir darum beten, vielleicht einfach so, vielleicht nicht. Aber es liegt nicht an uns, ob wir diese Kraft entwickeln oder nicht. Es liegt an Gott..

Wir dürfen und können darum bitten, dass uns Helferinnen geschickt werden, die bei der Ernte helfen. Und darum, dass wir selbst bei der Ernte helfen können. Dass wir selbst dabei helfen können, dass die Menschenmengen die einsam und verloren sind, kleiner werden. Und wenn sie nur um eine einzige Person schrumpfen. Denn unser Leben ist zum Glück nicht in einem letzten Satz zusammen gefasst und passt in kein „und so weiter“ oder „von da an“. In unserem Leben geht es weiter um Einzelbegegnungen.

Amen 

 © Marc S.

 

 

Gottesdienst 30.12.2012 Predigt zum Jahreswechsel 

 Jesaja 9, 1-6

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

 

Lukas 21, 25-28

Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen. Wenn (all) das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.

  

Ich weiß ja nicht, ob Euch das aufgefallen ist, aber: Die Welt existiert noch. Die Mayas hatten doch nicht recht. Wir haben den 21.12.12 hinter uns gebracht. Die Welt ist nicht untergegangen, das Jahr 2013 kann wider Erwarten doch kommen.

    Und ich frage mich ja, wie mag es den Leuten jetzt gehen, die in dies Dorf in Frankreich gezogen sind oder in dies andere in der Türkei oder keine Ahnung, wohin noch? Irgendwohin, wo am 21.12. ein Ufo landen sollte oder Jesus oder so. Dort sollten die daselbst versammelten Gläubigen eingeladen und vor dem Weltuntergang gerettet werden. Nun ist da aber aller Wahrscheinlichkeit nach kein Ufo gelandet und Jesus wohl auch nicht, und die Welt steht auch noch.

    Das muss sich schon blöd anfühlen. Vor allem für die, die das aus vollem Herzen geglaubt haben. Menschen, die so verzweifelt sind an unserer Welt, die das alles so furchtbar und so angsteinflößend finden, wie unsere Welt aussieht, dass die ruhig untergehen kann. Menschen, die das Ufo so viel besser fanden, als den Gedanken an ein neues Jahr, dass die alles hinter sich gelassen haben. Die haben sich von ihren Familien und Freunden verabschiedet und haben ihren Besitz verschenkt. Das würde ja doch alles in den Flammen des Weltuntergangs untergehen, also weg mit dem Scheiß. Stattdessen auf nach Frankreich und dort versuchen, dem Untergang der Welt zu entkommen. Und nun steht die doch noch. Das muss sich doch grässlich anfühlen, oder?

    Haben die eigentlich alle eine Macke? All diese Leute, die unsere Welt so schrecklich finden, dass sie sie einfach abschreiben und sich damit arrangieren, dass sie untergehen wird? Die, die jetzt auf die Mayas gesetzt haben. Und die, die zu anderen Stichtagen in die Berge gezogen sind. Die sich von allem getrennt und gelöst haben, sich weiße Kleider angezogen haben und die Wiederkunft des Herrn zum Weltgericht erwartet haben. Wie oft haben die Zeugen Jehovas ihre Leute auf die Berge geschickt, die Adventisten? Wie viel Propheten haben ihre AnhängerInnen davon überzeugt, dass es außer der Vorbereitung auf den Weltuntergang keine Option mehr gibt. Wie viel Menschen mögen gerade jetzt aktuell auf irgendwelchen Bauernhöfen in der Pampa sitzen, auf den Bergen oder in Wüstencamps und auf das Ufo warten, das sie vor der drohenden Katastrophe rettet? Haben die eigentlich alle eine Macke?

    Viele sicher. Aber jenseits aller Macken, die sich da sammeln, haben diese Menschen etwas verstanden, die so vom Untergang der Welt fasziniert sind. Viele von denen haben sich umgeschaut. Die haben in dem, was in unserer Welt geschieht, Zeichen gesucht und zu verstehen versucht. Sie haben diese Zeichen gedeutet. Und sie sind zu dem Resultat gelangt: Das kann nicht mehr lange gut gehen. So wie unsere Welt funktioniert, führt das schnur­stracks in den Abgrund.

    Und wisst Ihr was? Ich befürchte, die haben recht. Wenn wir uns ein bisschen umschauen, Nachrichten sehen, Zeitung lesen, dann wird das gruselig deutlich: So wie wir unsere Welt organisieren, das kann einfach nicht gut gehen. Ich befürchte, diese ganzen Apokalyptiker deuten die Zeichen der Zeit richtig – wir steuern mit atemberaubender Geschwindigkeit auf eine Katstrophe zu.

    Eine Welt, die so organisiert ist, dass wir ihre Ressourcen gnadenlos ausplündern, um irgendeinen Schrott zu produzieren, den kein Mensch braucht, der aber in immer schnellerem Tempo gekauft, verschrottet, neu gekauft und wieder verschrottet werden muss… Das muss genauso funktionieren, weil sonst unsere Wirtschaft zusammenbricht. Und von dieser Wirtschaft profitiert nur ein winziger Bruchteil der Menschheit – wir zum Beispiel. Doch dem allergrößten Teil der Menschheit beschert dies System vernichtende Armut, Hunger, verheerende Krankheiten, eine völlig verseuchte und zerstörte Umwelt… Wir plündern Afrikas Schätze aus und schaffen unsern Müll dorthin zurück, wo er die Kinder vergiftet. Oder Griechenland, kam gerade in den Nachrichten: Die letzten Sparbeschlüsse der EU führen aktuell dazu, dass da mehr und mehr Menschen in Obdachlosigkeit und absoluter Verelendung landen. Doch gleichzeitig verdienen sich diverse Hedgefonds da gerade eine goldene Nase dran. Die haben nämlich griechisch Anleihen gekauft, als die schon nix mehr wert waren und verkaufen die jetzt mit satten Gewinnen zurück. Da werden also Menschen ihre Wohnungen wegpfändet. Da werden gerade Familien, Alte, Kinder auf die Straße gejagt. Und was sie zum Leben bräuchten landet sonstwo, bei irgendwelchen Millionären, damit die noch reicher werden… Eine Welt, die so organisiert ist, die steuert in der Tat auf ihren Untergang zu. Das kann überhaupt nicht gutgehen. Wer diese Zeichen wahrnimmt und sie als Vorboten einer nahenden Katastrophe deutet, ich befürchte, der liegt nicht besonders daneben. Sich dem kommenden Jahr also nicht zu stellen, sondern stattdessen nach dem nächsten Ufo-Landepatz suchen, ist vielleicht nicht sooo doof.

    Außerdem führt uns ein solches Deuten der Zeichen der Zeit nicht nur in Gesellschaft von apokalyptischen Spinnern, sondern durchaus auch in gute, in die von Jesaja z.B., der dem Volk, das im Finstern wohnt, ein großes Licht ankündigt. Oder in die Gesellschaft von Jesus. In dem zweiten Text, den wir gerade gehört haben, deutet Jesus die Zeichen, die dem Untergang Judäas vorausgehen. Er spürt, ahnt, weiß, dass das nicht mehr lange gut gehen kann, was sich da zwischen dem römischen Weltreich und diesem störrischen Judäa abspielt. Da liegt Katastrophe in der Luft. Und diese Katastrophe ist Teil eines globalen oder - mehr noch - eines universellen Dramas, das er heraufziehen sieht. Die Zeichen, die Jesus da wahrnimmt, die er deutet, die verheißen alles andere als eine optimistische Zukunft. Im Gegenteil, was Jesus da heranbrechen sieht, ist Katastrophe, ist Untergang pur.

    Soweit liegt Jesus mit den Apokalyptikern auf einer Linie. Doch dann geht er einen Schritt weiter: Hinter den Zeichen, die uns zu Recht Angst machen, sieht er weitere. Jenseits aller Untergangsszenarien sieht Jesus noch andere Zeichen. Und diese Zeichen sprechen nicht in erster Linie vom Untergang unserer Welt, sondern vom Anbruch der neuen Welt Gottes. Jesus redet da nichts schön, er verharmlost das nicht, was auf uns zukommen kann. Doch jenseits aller Untergänge, hinter all dem, was uns Angst machen mag, sieht er die Wirklichkeit Gottes heraufziehen. Durch die Untergangsszenarien hindurch sieht er schon, wie sich die Wirklichkeit unserer Befreiung, unserer Erlösung ankündigt.

    Und deshalb sagt uns Jesus, im Horizont aller möglichen Untergangsszenarien und Katastrophenängste - die haben wir ja nicht umsonst. Doch wenn ihr all diese Schrecken drohen seht, dann - richtet Euch auf und erhebt Eure Häupter!

    Jesus stimmt mit diversen Apokalyptikern überein, dass das mit unserer Welt nicht gut gehen kann. Doch er widerspricht ihnen aufs Schärfste, was die Folgerung aus dieser Deutung der Zeichen betrifft: Jesus ruft uns nicht auf die Berge, nicht in die Pampa, nicht an die Ufolandeplätze, nicht in die Bunker, damit wir uns da vor den kommenden Schrecken in Sicherheit bringen. Jesus fordert uns nicht auf, uns vor dem, was da kommen mag, weg zu ducken. Jesus bietet uns kein Ausstiegsmodell, keine Rettung für die auserwählten Gerechten an.

    Sondern Jesus sagt uns: Die Welt ist so organisiert, dass das schief gehen muss. Das kann man kommen sehen. Doch wenn Ihr es kommen seht, dann richtet Euch auf! Erhebt Eure Häupter! Macht Eure Rücken gerade, steht auf! Kommt raus aus den Bunkern, kommt runter von den Bergen, vergesst die Ufolandeplätze! Denn durch alle Untergangsszenarien hindurch ist Eure Erlösung unterwegs. Aber die wird Euch nicht wegbeamen, sondern die ermöglicht es Euch, aufzustehen, Euch aufzurichten, die Rücken gerade zu machen. Und wenn Ihr steht, wäre es dann nicht eine Maßnahme, Euch aufzumachen und was zu tun? Mitzuhelfen, dass die Welt anders organisiert wird? Die muss doch nicht den Bach runtergehen. Aber sie müsste anders eingerichtet werden. Auch das wäre doch eine spannende Option: Uns aufrichten und mithelfen, dass die Welt anders organisiert wird, anstatt drauf zu warten, dass die Ufos uns rausholen.

    Nachdem die Welt 2012 nicht untergegangen ist, hoffen wir mal, dass sie auch 2013 übersteht. Doch wenn wir nicht nur jubilierend, optimistisch, freudig erregt an der Schwelle des neuen Jahres stehen, wenn es uns auch mal ein bisschen mulmig ist, dann muss das keine Unkerei und Spinnerei sein. Sondern da gibt es schon deutliche Zeichen, dass unsere Welt kräftig schlingert. Auch unseren individuellen kleinen Welten ist nicht verheißen, dass sie ohne Einschläge über die Runden kommen. Da sprechen diverse Zeichen eine deutliche Sprache.

    Aber ich glaube, es ist ein gute Idee, uns an der Schwelle des neuen Jahres, von Jesus ansprechen zu lassen: Wir ignorieren die Zeichen nicht, aber wir lassen uns von ihnen nicht niederdrücken und nicht in die Lähmung treiben. Wir suchen nicht die Bunker, sondern wir richten uns auf. Wir lassen uns von Jesus Gott in und hinter all den düsteren Zeichen zeigen. Wir lassen uns zeigen, dass in allen möglichen Untergängen Gottes neue Welt am anbrechen ist. Und wir richten uns auf, wir erheben unsere Häupter. An der Schwelle des neuen Jahres stärken wir uns an Gottes Liebe und Freundlichkeit, und wir gehen auf die neue Welt Gottes zu. Wir helfen mit, ihr den Weg zu bereiten.

    So kann 2013 getrost kommen. Wir gehen dem neuen Jahr entgegen, so wie Jesus uns das empfiehlt: Richtet Euch auf und erhebt Eure Häupter!

Amen 

 © Thomas Friedhoff

 

 

CSD-Gottesdienst 29.07.2012

Der CSD 2012 stand in Hamburg unter dem Motto: Ehe 2.0 - nach den Pflichten jetzt die Rechte. Dazu hat P.Thomas Friedhoff beim alljährlichen CSD-Gottesdienst von AIDS-Seelsorge und MCC-Hamburg in der St.Georgskirche gepredigt:

 

Prediger 4, 9-11

Es ist gut, wenn zwei zusammen sind, besser als allein, und sie haben einen guten Lohn für ihr Bemühen. In der Tat: Wenn sie fallen, können sie einander aufrichten. Aber ach, wenn jemand fällt, und es niemanden zum Aufrichten gibt. Zudem: Wenn zwei sich schlafen legen, wird ihnen warm. Wie soll Einzelnen warm werden? Wenn jemand überwältigt wird, können zwei dem widerstehen. Und ein dreifacher Faden zerreißt nicht so schnell.

 

Das ist mir jetzt ein bisschen peinlich, aber ich würde gern mal das Vorrecht älterer Menschen in Anspruch nehmen und eine Geschichte von Früher erzählen. Sie spielt vor gut 30 Jahren im Rahmen meiner ersten Begegnungen mit der schwullesbischen Welt. Und zwar bei einer Tagung im Waldschlösschen, in der Nähe von Göttingen. Heute ist das Waldschlösschen eine Akademie und staatlich anerkannte Heimvolkshochschule, damals war es das erste schwule Tagungshaus in Deutschland. Das Spannende bei meiner Tagung war, dass da einige der Häuptlinge, Vordenker, Speerspitzen der damaligen Schwulenbewegung dran beteiligt waren. Und wir Jungspunde saßen sozusagen zu den Füßen dieser versammelten Vorkämpfer der Bewegung und ließen uns von ihnen die Welt erklären.

So z.B. warum wir Schwule – Frauen spielten in den damaligen Überlegungen noch keine Rolle – warum also wir Schwule die Speerspitze der Weltrevolution waren. Wir waren das, weil alles Übel dieser Welt aus der heterosexuellen Paarbildung herrührt. Ein Mann und eine Frau tun sich zusammen und bilden als Paar ein Bollwerk zur Verteidigung ihrer Interessen. Um diesen innersten Kern der zwei bildet sich ein etwas größerer Kreis von Freunden. Aber dann ist Schluss. Dann kommt ein Zaun und alle, die außerhalb des Zauns sind, sind Fremde und Feinde. Außerhalb des Zauns lauern die feindlichen Stellungen, die um die gegensätzlichen Interessen anderer Paare errichtet wurden. So ist die Welt. Das ist der Grund für allen Streit und allen Krieg. Doch Hoffnung naht; denn wir Schwule, wir bilden eben solche monogamen Partnerschaften nicht. Unsere Promiskuität lässt uns von einer Begegnung zur nächsten schwirren. Und damit unterwandern wir dieses System, das die Welt so krank macht. Das ist unser revolutionärer Auftrag, durch unser freies Schweifen von einem zum andern, diese gefährliche Paarbildung zu untergraben. Was natürlich völlig undenkbar war, war dass wir Schwule das machten wie die Heten und selbst Paare bildeten. Das ging gar nicht. Das war konterrevolutionär und abzulehnen. Entschieden abzulehnen.

Ich frage mich ja, wie mag es diesen Urgesteinen der Bewegung heute gehen? Wenn die mitkriegen, dass wir uns zum CSD mit der Ehe beschäftigen. Die mittlerweile verblichenen Vorkämpfer dürften in ihren Gräbern rotieren. Über eine Generation von Schwulen und Lesben, die den Feiertag der Bewegung ausgerechnet dazu nutzt, um über die Optimierung dieses Herrschaftsinstruments des Patriarchats für sich selbst nachzudenken.

Vielleicht gibt es zwei Punkte, an denen wir uns ohne größere Kräche mit unseren Altvorderen einig werden könnten: Der eine, dass die traditionelle Ehe – also die 1.0 – dass die ihre Tücken hat, heftige Tücken. Und dass zum anderen zu einer Ehe 2.0 selbstverständlich sämtliche gleichen Rechte für uns gehören. Sicher ist das unglaublich – toll oder schrecklich, je nach Standpunkt – dass uns Schwulen und Lesben heute die Ehe offen steht. Aber eine Form der Partnerschaft, die uns für alle Pflichten einspannt, uns aber mit minderen Rechten abspeist, das geht gar nicht. Wenn schon Ehe, dann hat es selbstverständlich eine Ehe 2.0 mit gleichen Rechten für uns zu geben.

Klar wollen wir die. Und wenn wir die haben, ist das klasse. Aber alle anderen Tücken um Ehe und Partnerschaft herum, die bleiben dann trotzdem bestehen. Und ich würde da mal eine vorsichtige Anfrage wagen: Nämlich ob nicht viele dieser Tücken darin begründet sind, dass Partnerschaft und Ehe so fürchterlich überhöht und überinterpretiert wird. Was die nicht alles leisten soll: Mal soll die Ehe als Keimzelle für Staat und Gesellschaft dienen und steht deshalb unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes. Umgekehrt steht sie dem Weltfrieden im Weg und – hatten wir gerade – muss bekämpft werden. Mal ist Partnerschaft der Rahmen für alles, was uns an romantischen Träumen einfällt, von ewigem Liebesglück und seligem Miteinander-alt-werden. Mal droht Ehe in die Knie zu gehen unter der Last, die ihr von Familien und Traditionen aufgebürdet wird… Wie es immer schon war und wie das zu feiern ist. Und ganz dicke kommt es, wenn sich Kirche, Theologie oder Spiritualität mit Partnerschaft beschäftigen. Wie um Gottes willen, soll etwas, was so von allen Seiten mit Ansprüchen, Phantasien, Projektionen überfrachtet wird, wie Partnerschaft und Ehe… wie soll die das aushalten? Wie können wir in diesem Wust aus Modellen, Perspektiven und Ansprüchen etwas leben, was gut ist und Sinn macht? 

Wenn ich Trauungen mache, versuche ich da immer gern eine kleine Geschichte unterzubringen: Die kommt ein bisschen kitschig und im Märchenstil daher. Das macht aber nix. Sie erzählt von zwei Menschen, die sehr lange schon sehr glücklich miteinander lebten. Sie waren zufrieden mit ihrem Leben, und durch die Jahre des Zusammenlebens wuchs ihre Liebe.

Doch dann lesen sie eines Tages in einem Buch, dass es einen Ort geben soll, wo unermessliches Glück herrscht. In weiter Ferne, soll es eine Tür geben, die sich zu dem Ort hin öffnet, wo der Himmel die Erde küsst.

In der Geschichte ist das ein sehr altes Buch, in dem sie das lesen. Es könnte aber auch was anderes gewesen sein: Das Manifest der schwulen Revolution. Ein theologischer Diskussionsbeitrag, für welche Formen von Beziehung Segen möglich ist, für welche nicht und welche Funktion der Segen bei einer Trauung für den Bestand einer Partnerschaft hat. Sie könnten romantisches Herz-Schmerz-Geklingel gelesen haben über die einzige, wahre große, ewige und nie enden wollende Liebe. Oder eine katholische Handreichung über Ehe und Familie als unersetzliche Stütze von Staat und Gesellschaft. Oder irgendwas Spirituelles über Partnerschaft und wie sie die Einheit mit Gott abbildet und widerspiegelt. Was immer die beiden da gelesen haben mögen, es kann ihnen ganz unterschiedliche Ziele beschrieben haben, wo das Glück zu finden ist.

Was immer die beiden gelesen haben, das Ganze klingt auf jeden Fall so überzeugend, dass sie das finden wollen. Sie machen sich auf die Suche – den Tipps des schlauen Buchs nach - nach dem Ort, wo der Himmel die Erde küsst.

Sie durchwandern die Welt und durchleiden alle Entbehrungen, die so eine lange Reise mit sich bringt. Bald wussten sie nicht mehr, wie lange sie schon unterwegs waren. Aber aufgeben wollten sie nicht. Und dann, fast am Ende ihrer Kraft, erreichten sie eine Tür, so wie sie in dem Buch beschrieben war. Hinter dieser Tür sollte es sein: Das große Glück, das Ziel ihres Hoffens und Suchens.

Die Spannung war kaum noch auszuhalten. Wie sollte er aussehen, dieser Ort an dem der Himmel die Erde küsst? Sie klopften an, die Tür öffnete sich. Sie fassten sich an der Hand und traten ein. Da standen sie nun - wieder mitten in ihrem Zuhaus!

Am Ende dieses langen Weges waren sie wieder bei sich zu Hause angekommen. Und sie verstanden: Der Ort, wo der Himmel die Erde küsst, ist da, wo Menschen gut miteinander leben. Der Ort des großen Glücks, ist der Ort, wo Menschen einander glücklich machen.

Die Moral von der Geschicht: Welche Modelle, Perspektiven, Erwartungen  auch immer an Ehe oder Partnerschaft gekoppelt werden, das ist es nicht. Entscheidend ist, was das jeweilige Paar lebt. Entscheidend ist, was uns gut tut. Das ganz große Glück, ist unser individuelles Glück. Wie wir miteinander leben, wie wir einander gut tun und was da an unspektakulärem, alltäglichem, kleinen Glück draus erwächst, das macht den Ort, wo der Himmel die Erde küsst.

Wie wäre die Wanderung der beiden wohl ausgefallen, oder hätte die überhaupt stattgefunden, wenn sie in einem anderen alten Buch gelesen hätten? In der Bibel. Und wären die da auf die Stelle gestoßen, die wir gerade gehört haben. Habt Ihr dass noch im Ohr, wie die das zusammenfasst, wozu Partnerschaft, Ehe, Zusammenleben gut sein soll? Da kommt kein großer Gesellschaftsentwurf, keine romantische Schnulze, keine theologische These und kein spirituelles Mysterium, keine Zielbestimmung am andern Ende der Welt, sondern: „Es ist gut, wenn zwei zusammen sind, denn wenn einer fällt, kann der andere ihn aufrichten. Wenn sie sich schlafen legen, können sie einander wärmen“. Worum es geht bei Partnerschaft: Dass wir einander aufrichten, dass wir einander wärmen.

Standard in unserer Welt ist ja, dass Menschen ausgesiebt werden, dass immer heftiger an den Rosten gerüttelt wird und mehr und mehr Menschen ins Bodenlose fallen. Da sollen wir nicht schulterzuckend daneben stehen, wenn einer fällt. Sondern es ist gut, wenn wir Strukturen, Gemeinschaften, Partnerschaften bilden, in denen Menschen sich gegenseitig stützen, einander vor dem Fallen bewahren, einander aufrichten. Dass unsere Welt immer kälter wird, können wir beklagen. Doch bloßes Klagen ändert ja nichts. Stattdessen ist es gut, wenn wir Strukturen, Gemeinschaften, Partnerschaften bilden, in denen Menschen sich gegenseitig wärmen. 

Sicher ist Partnerschaft das erste was uns einfällt, wo dieses Einander-aufrichten, Einander-wärmen geschehen kann. Doch „ein dreifacher Faden“ kann noch besser halten als ein doppelter, meditiert der Text und weist darauf hin: Einander-aufrichten, Einander-wärmen muss nicht zwangsläufig und ausschließlich in Partnerschaft und Ehe geschehen. Das kann auch in anderen Konstellationen und Formen geschehen. Oder diese Kopplung von Einander-gut-tun und Miteinander-alt-werden. Dass die gelingt, ist nicht die selbstverständliche Erfüllung unserer romantischen Ehe-Träume. Sondern das ist eine super anspruchsvolle Veranstaltung. Und wer die nicht hinkriegt, der/die braucht trotzdem Strukturen, die ihn/sie aufrichten und die ihn/sie wärmen. Das muss nicht unbedingt Partnerschaft sein, sondern da können z.B. Strukturen kommunitären Lebens in den Blick kommen.

Doch last not least ist das schön, dass uns Standesämter und kirchlicher Segen heute mithelfen, dass Einander-aufrichten, Einander-wärmen in Ehen und Partnerschaften möglich ist. Aber was uns da geboten wird, wie viel Rechte und Pflichten uns da mitgegeben werden, ob da Ehe 2, 3 oder 4.0 bei raus kommt, das alles kann klasse und gut sein. Doch all das ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende wird uns mit diesen schlichten, uralten Worten des Predigerbuchs gesagt: In welchen Konstellationen und Formen wir es hinkriegen, ob von Staat und Kirche gesegnet und begleitet oder nicht:

Es ist gut, wenn wir einander aufrichten. Es ist gut, wenn wir einander wärmen.

Amen

© Thomas Friedhoff

 

 

Gottesdienst 01.01.2012

1.Mose 32,23-32

Mitten in der Nacht stand Jakob auf und nahm seine beiden Frauen und die beiden Nebenfrauen und seine elf Söhne und brachte sie an einer seichten Stelle über den Jabbok; auch alle seine Herden brachte er über den Fluss. Nur er allein blieb zurück. Da trat ihm ein Mann entgegen und rang mit ihm bis zum Morgengrauen. Als der andere sah, dass sich Jakob nicht niederringen ließ, gab er ihm einen Schlag auf das Hüftgelenk, sodass es sich ausrenkte.

Dann sagte er zu Jakob: »Lass mich los; es wird schon Tag!« Aber Jakob erwiderte: »Ich lasse dich nicht los, bevor du mich segnest!«

»Wie heißt du?«, fragte der andere, und als Jakob seinen Namen nannte, sagte er: »Du sollst von nun an nicht mehr Jakob heißen, du sollst Israel heißen! Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gesiegt.«

Jakob bat ihn: »Sag mir doch deinen Namen!« Aber er sagte nur: »Warum fragst du?«, und segnete ihn.

Ich habe Gott von Angesicht gesehen«, rief Jakob, »und ich lebe noch!« Darum nannte er den Ort Penuël. Als Jakob den Schauplatz verließ, ging die Sonne über ihm auf. Er hinkte wegen seiner Hüfte.

 

Übergänge sind ja kitzlige Punkte. An so Übergangspunkten hat man Etappen hinter sich, die zu Ende sind, aber oft noch nicht abgeschlossen. Und man hat Herausforderungen vor sich, von denen man Null Ahnung hat, ob man ihnen gewachsen ist oder nicht. Man blickt zurück und fragt sich, wie die Bilanz der vergangenen Zeit ausfällt. Und wie positiv, ermutigend für die Zukunft oder negativ entmutigend wird unsere Bilanz ausfallen? Doch ganz gleich, wie das Ergebnis unserer Rückschau ausfällt, an so einem Übergangs­punkt, müssen wir erstmal vorwärts. Und ob unsere Bilanzen uns nun Mut oder Angst machen, die Herausforderungen vor uns liegen so oder so im Dunkel. Und ob wir ihnen ängstlich oder mutig begegnen, ob wir sie wuppen werden, weiß am Übergangspunkt niemand…

So ähnlich funktionieren auch die Übergänge von einem Jahr ins andere. Wir schauen zurück, sind uns unklar, ob und wie uns die Erfahrungen des vergangenen Jahres in die Zukunft helfen werden. Doch es hilft nix, das neue Jahr ist so oder so angebrochen. Der Übergang geschieht so oder so, ganz gleich wie mutig oder ängstlich wir ihn gehen. Und was kommt, liegt im Dunkel. Niemand kann uns heute Garantien dafür geben, wie uns der Jahreswechsel 2012/13 vorfinden wird.

An so einem Übergangspunkt begegnen wir Jakob und einer meiner absoluten Lieblingsbibelstellen. Wir haben sie gerade gehört.

Zur Vorgeschichte dieser Übergangsgeschichte gehört, dass dieser Jakob eine überaus schillernde Figur war: Der Stammvater des Gottesvolk Israel. Also durchaus von Gott berührt, mit Gott in Kontakt und damit eine Vorbild- und Modellfigur. Auf der anderen Seite war der so dermaßen gewitzt, so gerissen, dass sich der Begriff Gauner nahe legt, wenn man über Jakob erzählen will. Seine Gerissenheit hat ihm Erfolg und Reichtum beschert, ihm aber auch enorme Feindschaft eingetragen.

Die letzten 20 Jahre hatte er mit der Sippe seines Schwiegervaters zusammen gelebt. Doch nun, ist das Verhältnis zu dieser Familie so dermaßen zerrüttet, dass er da weg muss. Es hilft alles nichts, er muss da weg. Bedeutet: Zurück zu seiner Herkunftsfamilie. Doch vor denen, vor allem vor seinem Bruder Esau, war er ja vor 20 Jahren geflüchtet. Von wegen zerrüttete Verhältnisse: Den ersten Baustein für sein aktuelles Vermögen hatte er sich erarbeitet, indem er seinen Bruder um dessen Erbe betrogen hatte. Der hatte damals geschäumt vor Wut.

Nun muss er zu dem zurück. Er hat keine Ahnung, was ihn da erwartet. Das liegt im Dunkel. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass ihn Kampf und Ärger erwarten ist sehr groß. Und diese Vermutung scheint sich zu bestätigen, als Späher ihm berichten, dass sein Bruder ihm zusammen mit bewaffneten Freunden entgegen reitet. Das Zusammentreffen von Jakobs Karawane mit Esaus Trupp wird an der Furt des Flusses Jabbok erwartet.

Ich habe mir neulich mal erzählen lassen, dass dieser Punkt der Begegnung eine canyonartige Schlucht ist. Was für eine passende Landschaft, um so einen kritischen Übergangspunkt zu markieren. Hier nicht zwischen zwei Jahren, sondern der Übergang zwischen einer Welt, in der Jakob nicht mehr leben kann und einer anderen, in der er aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht leben kann.

Was tun? Jakob ist gewitzt genug, um diesen Übergang perfekt vorzubereiten. Er schickt seine üppigen Herden, seinen Reichtum, genial gestaffelt, in kleinen Gruppen über den Jabbok, seinem Bruder entgegen. Und er lässt diese Teilmengen seiner Herde seinem Bruder als Geschenke anbieten, zur Besänftigung. Kaum hat der das eine Geschenk verdaut, kommt das nächste. Schlau.

Es macht Sinn, Übergänge und das Leben überhaupt, so gut wir’s können zu planen und uns auf Ungewissheiten einzurichten. Das hat Jakob getan, nach besten Wissen und Gewissen. Das war arbeitsintensiv und anstrengend gewesen. Nun ist die letzte Nacht vor dem Showdown mit Esau angebrochen. Er sitzt allein im Canyon des Jabbok. Sein Plan ist umgesetzt. Er hat keine Ahnung, ob er aufgehen wird oder nicht. Nun ist sein Punkt des Übergangs da. Morgen früh wird er seinem Bruder begegnen. Er kann nichts mehr tun, um seinen Plan zu ändern, aufzuhalten oder umzukehren. Er kann nur noch hoffen, dass alles klappt und dass er morgen fit ist, um seinem Bruder gut zu begegnen. Und dass der ihn und seine Familie künftig im Frieden in seiner Sippe leben lässt. Und nun wäre es gut, noch ein bisschen zu schlafen, ein wenig entspannen zu können.

Just in dieser alles entscheidenden Nacht, just an diesem kritischen Punkt begegnet ihm… ja, wer oder was begegnet ihm da eigentlich? Keine Ahnung. Irgendwas oder irgendwer taucht da auf jeden Fall aus dem Dunkel der Nacht auf und fängt eine Schlägerei mit Jakob an.

Das darf doch wohl nicht wahr sein. Und ist doch typisch: Man kann noch so perfekt vorbereitet sein und noch so toll geplant haben, aus den idiotischsten, aus absolut nicht vorhersehbaren Ecken, muss irgendwas kommen, was einem alles versaut. Und sei es irgendein Blödmann, der nachts aus dem Dunkel auftauchen und sich mit Jakob prügeln muss.

Wenn wir nun glauben, dass Gott es gut mit uns meint, wenn wir hoffen, dass Gott Gutes mit unserm Leben vorhat, dann sind so was natürlich Punkte, an denen wir ins Rotieren kommen. Warum geschieht so was? Warum lässt Gott so was zu? Am Anfang des Jahres sind wir mit der Jahreslosung aus dem Rm ermutigt worden, uns nicht – passiv - vom Bösen überwinden zu lassen, sondern selbst – aktiv - zu überwinden, Böses mit Gutem. Wie war das bei uns im vergangenen Jahr? Haben wir solche Erfahrungen gemacht, dass da von Gott her Kraft des Guten mit uns war, die uns geholfen hat, aktiv zu überwinden, Böses mit Gutem?

Oder waren unsere Erfahrungen 2011 eher wie die des Jakob - irgendein Mist muss immer passieren, der einem Leben versaut? Und haben uns solche Erfahrungen eher zu der Einschätzung geführt, dass das mit Gottes Kraft zum Überwinden eher nix ist?

Wobei… das ist nicht Jakobs Schlussfolgerung. Der macht etwas anderes. Etwas völlig atemberaubendes: Er kämpft mit diesem Typen und sagt gleichzeitig, das ist Gott, mit dem er da kämpft. Er koppelt sein Ergehen und Gott nicht voneinander ab. Er sagt nicht: Gutes kommt von Gott, und Schlechtes kommt von sonst wo. Seine Haltung ist nicht: Ich danke Gott für das Positive, was mir widerfährt, doch wenn das Negative überhand nimmt, dann kommt mein Vertrauen zu Gott ins Rutschen. Genau das tut Jakob nicht.

Stattdessen nimmt Jakob in Anspruch, dass Gott es gut mit ihm meint, so oder so. Also nimmt er Gutes und Schlechtes als von Gott gegeben an. Aber dies geschieht nicht duckmäuserisch, nicht kriecherisch demütig. Das Schlechte als von Gott gegeben anzunehmen, heißt ja noch lange nicht, es klasse zu finden. Jakob kämpft mit Gott. Auch das Negative als von Gott gegeben wahrzunehmen, bedeutet für Jakob, er kämpft das mit Gott durch, und kommt dabei zu diesem atemberaubenden Satz… Man muss sich das mal vorstellen. Diese Idee: Jakob kämpft die ganze Nacht mit Gott durch. Und schließlich geht Gott die Puste aus. Und Gott bittet Jakob, ihn gehen zu lassen. Jakobs Antwort: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Und Gott segnet ihn. Jakob verlässt den Kampfplatz beim Aufgang der Sonne im Bewusstsein, in dieser grausigen Nacht trotz allem mit Gott zu tun gehabt zu haben. Die Nacht war fürchterlich. Jakob kommt auch nicht ohne Blessuren aus der Nacht. Er humpelt aus dieser Nacht heraus. Doch diese Nacht hat ihn nicht von Gott getrennt. Im Gegenteil, nie war er Gott näher gewesen. Er war Gott so nah in dieser Nacht und ist so gesegnet, dass er nun einen neuen Namen braucht, um diese Begegnung in seinem Leben reflektieren zu lassen. Er heißt jetzt Israel.

In unserm Leben können Dinge schief gehen. Übergänge bieten immer auch die Möglichkeit, uns auf schwierige, nur mühsam oder gar nicht gangbare Wege zu setzen. Ja, da ist möglich. Doch Jakob sagt uns, dass es Gott ist, der uns an Übergängen begegnet. Nicht immer verständlich, nicht immer akzeptabel. Doch es ist Gott, der uns da begegnet und damit ist es Liebe, auch wenn uns das nicht jederzeit offensichtlich oder begreifbar ist. Wenn wir daran festhalten können, wenn wir das hinkriegen, uns auch im Negativen an Gott festzuhalten, dann kriegen wir klarer, wie unumstößlich das ist, dass Gott es gut mit uns meint.

Und es mag uns gefallen oder nicht, doch es ist Realität: Das Leben lässt niemand unbeschädigt. Wir kommen so oder nicht ungeschoren, unverletzt, unbeschädigt aus allen Situationen unseres Lebens. Aber wenn wir Jakobs Beispiel folgen, kommen wir zumindest mit Gott aus schwierigen Situationen unseres Lebens.

Es bleibt dabei, es gilt, Gott meint es gut mit uns. So gilt auch: Gott wartet am Übergang von 2011 auf 2012 auf uns.

Dies ist keine Gewähr dafür, dass 2012 alles glatt geht. Aber wir haben die Gewähr, dass wir 2012 nicht allein sind. Dass Gott bei uns bleibt. Wir werden es realisieren, wenn wir an Gott festhalten, auch wenn es manchmal bedeutet, mit Gott zu kämpfen.

Amen

© Thomas Friedhoff

 

 



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